Mittwoch, März 22, 2006

Frankreich, Frankreich

Es war 1998, ich kam gerade zum wiederholten Mal in die 8. Klasse (warum, ist eine historisch-geographische Angelegenheit, davon vielleicht ein andermal).

Es begab sich, dass außer mir (mit etwas kleinerer Statur) noch ein übergroßer, kiffender Kerl sitzen blieb, wo genau sein Problem lag, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall waren wir beide Lateiner seit der 7. Klasse und auch mehr oder weniger befreundet. Mit Kiffen hatte und habe ich allerdings nichts am Hut (bevor das jetzt jemand denkt). Zu unserer Zeit gab es noch sehr viele Schüler – in jeder Klasse – und leider war es nur noch in einer Klasse möglich, uns aufzunehmen.

Unsere Schule war Europaschule und hatte damals noch in jedem Jahrgang eine Europaklasse. Das hieß für die Schüler, dass das Ziel der Skifreizeit Frankreich ist, eine Brieffreundschaft mit einem Franzosen geführt werden muss und die Klasse eine Wochenstunde Französisch mehr hat als andere.

So kam es, dass zwei Lateiner in eine Klasse mit nur „Franzosen“ kamen. Nette Sache: Die hatten Montags 3. und 4. Stunde Französisch und wir nur die 3. Latein. So sind wir denn ab und zu auch mal runter, zum Kiosk und haben eingekauft. Das eine Mal jeder eine Dose Jacky-Cola, die wir dann getrunken hatten und dann in Englisch die Hausaufgaben vortragen... Nein, ich schweife ab. Auch das ist eine ganz andere Geschichte, es geht ja um den Frankreichaustausch.

Man sagt ja immer, die Franzosen wären sexuell etwas aufgeschlossener. Die Freizeit hat das nur partiell belegen können. Ich war damals mit einem Mädchen aus der Klasse ganz gut befreundet – kein Küssen, streicheln oder so. Einfach gut befreundet. Sie hörte Hosen und Ärzte, ich auch – alles klar.

Da ich und Pierre ja kein Französch (die Sprache) konnten, mussten wir beide mit einem Mitschüler in die Familien – Franzosen können ja wenig bis gar kein Englisch.

Pierre hatte Glück, seine Familie waren ausgewanderte Deutsche. Meine nicht.

Als wir am Ende der Reise endlich ankamen, nach einer endlosen Hallo-Veranstaltung, da kam die Frage nach den Zimmern in der Familie auf. Klar, hier in Deutschland ist das geregelt: Männlein unter sich, Weiblein unter sich. Alles andere ist gaaaanz böse und gibt tierisch Stress.

Und da kam die Mutter, die wohl merkte, dass Jutta und ich uns ganz gut verstanden, ob wir uns ein Zimmer teilen wollten, oder ob ich bei Jeremié im Zimmer schlafen wollte.

Völlig überrumpelt weiß man in so einem Moment nicht immer, was man sagen soll. Junge und Mädchen, auf Klassenfahrt, in einem Zimmer, einem Bett. Sowieso war die Chemie recht gut. Dass da nicht mehr daraus wurde lag an meiner Schüchternheit – zumindest dem weiblichen Geschlecht gegenüber, wenn es um Gefühle geht.

Nun, Jutta und ich sahen uns an. Ein zögerliches „Ja, warum nicht“ war leider irgendwie alles, was wir beide heraus brachten. In diesem Moment schien der Mutter klar geworden zu sein, was sie da gerade gefragt hatte.

Am Ende lag ich bei Jeremié und musste französischen HipHop über mich ergehen lassen. Volle zwei Tage. Das habe ich ihm so übel genommen, dass ich, als wir am Tag drauf Mittags FIFA98 (damals noch ganz neu!) spielten, keine Gnade habe walten lassen, ihn ausgelacht habe, als er sich ein Gamepad rausgekramt hatte („Damit spiele ich besser “) und mit Deutschland Frankreich locker-flockig mit 10:3 überfallen hatte.

Das Zimmer mit Jutta bekam ich auch auf der Rückfahrt nicht, Jeremié quälte mich weiter mit französischem HipHop. Auf der Fahrt selbst blieben ein verschüchterter Franzose, dem einige Mädels beim Duschen die Dusche aufgeschlossen und ihn und „ihn“ ausgelacht hatten, die Erinnerung an Marian, der beim Essen ein Tütchen Pfeffer geschnupft hatte und danach eine Stunden lang seinen Kopf gegen die Wand schlug, um das Jucken nicht mehr zu merken und das „leckere französische Essen“ in der Herberge.

Eine Gelegenheit, Jutta näherzukommen gab es nicht mehr, auch nicht in den Jahren danach, auch nicht auf der Abschlussfahrt in Berlin, da hatte sie schon einen Anderen. Manche Dinge kommen eben nicht wieder.

Zum Essen erwähne ich dann nur noch eines: frittierte und halbrohe Pommes Frites (französische Erfindung) mit irgendwelchen französischen Bratwürsten, die zwischen dem verkohlten und dem Rohen eigentlich gut waren, mit bloßen Händen aus diesen Gastro-Thekenbehältern auf den Teller geschippt bekommen. Essen wie Gott in Frankreich, sag ich da nur...

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