Freitag, Juni 29, 2007

Selber Nutte.

Wo fängt Prostitution an und wo hört sie auf? Zumindest über den ersten Teil habe ich mir lange Gedanken gemacht. Die Frage ist warum.

Ich kenne eine Person, Anfang 20, weiblich. Keine Ausbildung. Nicht dass sie es nie versucht hätte, nicht dass sie nicht will. Fakt ist, dass sie bislang unzählige Praktika gemacht hat. Kindergarten, Krankenhäuser, Arztpraxen, Altersheime. Ihr Taumberuf war Kinderkrankenschwester oder Erzieherin. Mittlerweile würde sie fast jeden Beruf wählen, solange sie nur die 2-3 Jahre Ausbildung absolvieren kann. Selbst Einzelhandelskauffrau, immerhin war sie auf einer Handelsschule (einer von vielen Versuchen, die Arbeitslosigkeit zu überbrücken und sinnvoll zu nutzen.

Keine Ausbildung, das heißt hierzulande: kein Arbeitslosengeld. Warum sollte man das auch bekommen, wenn man nie gearbeitet hat. Nach nun fast vier Jahren ist sie nun daran, aufzugeben. In einem Land, in dem im Grundgesetz das Recht auf Bildung verankert ist.

Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden. (GG, Art. 12, Abs. 1)

Das Arbeitsamt ist machtlos, Bewerbungsempfehlungen werden angeschrieben, sie informiert sich über die Betriebe, macht Schnuppertage, Probearbeiten und Praktika und hat nach über vier Jahren immer noch nichts in der Hand. Beschämend.

In ihrer momentanen Situation würde sie sogar (trotz eines Hüftproblems) Zeitungen austragen. Inventur machen. Was auch immer. Hauptsache ein bisschen Geld, nur ein paar wenige Euros verdienen. Nicht unbedingt um des Geldes willen. Sondern als eine Selbstbestätigung, dass man in der modernen Leistungsgesellschaft nicht das allerletzte, allerhinterste, -mieseste Lebewesen ist. Um zu sehen, dass man etwas leisten kann.

Geht in Ordnung, sagt das Arbeitsamt. Jobs unter 300irgendwas sind ok, wird nicht als Beschäftigung im Sinne einer Arbeitsstelle gesehen, damit unproblematisch.

Geht nicht, sagt die Rentenvereinigung oder Rentenkasse, ich weiss es nicht genau. Steuerlich und wegen der zu leistenden Sozialabgaben nicht machbar. Was soll das?

Sie hatte neulich einen Krach mit ihrer besten Freundin, die sie jetzt nicht mehr ist. Einen Handyvertrag für diese Freundin hat sie abgeschlossen (die es wegen einem Schufaeintrag nicht selbst konnte), ihr Geld geliehen, wenn sie es konnte. Nun sitzt sie, die selbst nichts hat aufgrund ihrer Selbstlosigkeit auf einem Berg von über 500 Euro Schulden und weiß nicht, wie sie sie bezahlen soll. Sie darf ja nicht einmal bei einer Inventur mitarbeiten.

Sie hat einen Freund, Mitte 40, Arzt. Geschieden und Kinder. Sie hat keine Zukunftsaussichten mit ihm. Absolut keine. Und als ihre „Freundin“ meinte, er würde sie bloß anrufen, wenn er gerade vögeln will, meinte sie nur: „Naja, er bezahlt dafür ja auch“. Er geht manchmal mit ihr Einkaufen. Kleinkram. Zigaretten. Brot. Solche Sachen.

Von ihrer „Freundin“ wurde sie dafür als Nutte bezeichnet. Von einer, die sich vom Sohn des Fahrschullehrers vögeln lässt, in der Hoffnung, als seine Freundin bekommt sie was umsonst.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Leider ist das Recht auf eine Ausbildung an sich nicht im Grundgesetz verankert. Was du zitiert hast ist die Freiheit die jeder Mensch hat sich seine Tätigkeit selbst auszusuchen und dass niemand gezwungen werden kann in einen Betrieb zu arbeiten in dem er nicht arbeiten will.

Aber ich muss die Recht geben in einer Gesellschaft in der ein Mensch arbeiten will ist kein Platz wenn er nicht die entsprechenden Qualifikationen mitbringt.

Es ist schwer einmal aus diesem Strudel zu entfliehen. mit 28 wird sie zu alt sein um als Auszubildende angenommen zu werden. Und das obwohl sie bis dahin noch knapp 40 Jahre zu arbeiten hat.
Das ist den Betrieben scheinbar zu wenig.

Und jetzt zum eigentlichen Thema:
Ein Eintrag aus einem Lexikon zum Thema Prostitution:

Die Prostitution als freiwilliger Berufsstand wird auch Sexarbeit oder Sexuelle Dienstleistung genannt

Ein weiterer Eintrag aus dem Lexikon zum Thema Dienstleistung:
...Im weitesten Sinne zählen zu den Dienstleistungen auch Leistungen, die z. B. unentgeltlich im Haushalt geleistet werden, oder gar solche, die man für sich selbst erbringt...

Interpretiert würde ich sagen, dass sie hier keine sexuellen Dienstleistungen erbringt, da sich beide nicht auf die Bezahlung geeinigt haben.

In diesem Fall würde ich einfach nur sagen, dass die Person versucht sich einen Vorteil zu erschleichen und das zu Lasten des anderen.

Leider muss ich aber bestätigen, dass es sich im ersten Fall um Prostitution handelt, da wahrscheinlich sowohl der Arzt als auch deine Freundin sich darüber im Klaren sind, dass weitere Verpflichtungen nicht existieren, wenn denn die Person auch "Kleidung" oder eine andere Art der Vergütung erhält.

So zieht der Arzt in Form von sexueller Befriedigung, und die Freundin in Form von Bereicherung ihren individuellen Nutzen aus dieser Beziehung.

ciao

Toni
www.burgarello.de

.campino2k hat gesagt…

Anfang zwanzig... Aber wer sagt denn, dass man sich auf eine bestimmte Form der Bezahlung einigen muss, dass ein eindeutiger Fall von Prostituition vorliegt?

Tun das die Mädels, die aus Rumänien oder Kasachstan kommen und als Sklavinnen missbraucht werden?

Prostitution hat viele Gesichter und das der Nutte am Straßenrand, ist nur eines davon.

Ich sehe das Bild der Prostitution hier im übrigen nicht alleine bildlich, sondern auch sinnbildlich.
Jeder hat die eine oder andere Sache, auf die vielleicht nicht stolz ist, die er vielleicht aber gemacht hat, weil er oder sie nicht anders konnte oder wollte.

Und irgendwie ist jeder von uns zu einem gewissen Grad prostituiert. Schließlich erläutert dir das Lexikon ja auch den Ursprung bzw. die Übersetzung des Begriffs:
von lateinisch pro-stituere aus pro und statuere – nach vorn stellen, zur Schau stellen, preisgeben

Und das tut jeder, der ein Produkt- oder auch einfach nur sich (vielleicht bei einem Bewerbungsgespräch) - (gut) verkaufen will. Jeden Tag.