Selber Nutte.
Wo fängt Prostitution an und wo hört sie auf? Zumindest über den ersten Teil habe ich mir lange Gedanken gemacht. Die Frage ist warum.
Ich kenne eine Person, Anfang 20, weiblich. Keine Ausbildung. Nicht dass sie es nie versucht hätte, nicht dass sie nicht will. Fakt ist, dass sie bislang unzählige Praktika gemacht hat. Kindergarten, Krankenhäuser, Arztpraxen, Altersheime. Ihr Taumberuf war Kinderkrankenschwester oder Erzieherin. Mittlerweile würde sie fast jeden Beruf wählen, solange sie nur die 2-3 Jahre Ausbildung absolvieren kann. Selbst Einzelhandelskauffrau, immerhin war sie auf einer Handelsschule (einer von vielen Versuchen, die Arbeitslosigkeit zu überbrücken und sinnvoll zu nutzen.
Keine Ausbildung, das heißt hierzulande: kein Arbeitslosengeld. Warum sollte man das auch bekommen, wenn man nie gearbeitet hat. Nach nun fast vier Jahren ist sie nun daran, aufzugeben. In einem Land, in dem im Grundgesetz das Recht auf Bildung verankert ist.
Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden. (GG, Art. 12, Abs. 1)
Das Arbeitsamt ist machtlos, Bewerbungsempfehlungen werden angeschrieben, sie informiert sich über die Betriebe, macht Schnuppertage, Probearbeiten und Praktika und hat nach über vier Jahren immer noch nichts in der Hand. Beschämend.
In ihrer momentanen Situation würde sie sogar (trotz eines Hüftproblems) Zeitungen austragen. Inventur machen. Was auch immer. Hauptsache ein bisschen Geld, nur ein paar wenige Euros verdienen. Nicht unbedingt um des Geldes willen. Sondern als eine Selbstbestätigung, dass man in der modernen Leistungsgesellschaft nicht das allerletzte, allerhinterste, -mieseste Lebewesen ist. Um zu sehen, dass man etwas leisten kann.
Geht in Ordnung, sagt das Arbeitsamt. Jobs unter 300irgendwas sind ok, wird nicht als Beschäftigung im Sinne einer Arbeitsstelle gesehen, damit unproblematisch.
Geht nicht, sagt die Rentenvereinigung oder Rentenkasse, ich weiss es nicht genau. Steuerlich und wegen der zu leistenden Sozialabgaben nicht machbar. Was soll das?
Sie hatte neulich einen Krach mit ihrer besten Freundin, die sie jetzt nicht mehr ist. Einen Handyvertrag für diese Freundin hat sie abgeschlossen (die es wegen einem Schufaeintrag nicht selbst konnte), ihr Geld geliehen, wenn sie es konnte. Nun sitzt sie, die selbst nichts hat aufgrund ihrer Selbstlosigkeit auf einem Berg von über 500 Euro Schulden und weiß nicht, wie sie sie bezahlen soll. Sie darf ja nicht einmal bei einer Inventur mitarbeiten.
Sie hat einen Freund, Mitte 40, Arzt. Geschieden und Kinder. Sie hat keine Zukunftsaussichten mit ihm. Absolut keine. Und als ihre „Freundin“ meinte, er würde sie bloß anrufen, wenn er gerade vögeln will, meinte sie nur: „Naja, er bezahlt dafür ja auch“. Er geht manchmal mit ihr Einkaufen. Kleinkram. Zigaretten. Brot. Solche Sachen.
Von ihrer „Freundin“ wurde sie dafür als Nutte bezeichnet. Von einer, die sich vom Sohn des Fahrschullehrers vögeln lässt, in der Hoffnung, als seine Freundin bekommt sie was umsonst.









